Pressespiegel vom 15. November 2009
Axel Hoppe | 15. November 2009 | 11:35 UhrQuelle: Thüringer Allgemeine, Lokalredaktion Eisenach
Gymnasium der deutschen Einheit
GERSTUNGEN. Den Zusatztitel “Schule der Deutschen Einheit” trägt seit gestern das Gerstunger Philipp-Melanchthon-Gymnasium. Landrat Reinhard Krebs (CDU) nahm die feierliche Namensverleihung vor. Was aus einem ehemaligen Schüler des Philipp-Melanchthon-Gymnasiums werden kann, machte Philipp Trott gestern deutlich. Er war der erste Gymnasiast aus dem Westen, legte in Gerstungen das Abitur ab und wurde Arzt. Zur Namensverleihung berichtete er kurz von seinen ersten Erlebnissen an einer “Ostschule” und bekannte sich am Schluss als Wossi. Die Werragemeinde Gerstungen hat sich schon lange einen Namen wegen ihrer höheren Schulbildung gemacht. Radikal abgebrochen wurde die gymnasiale Schulstufe 1982. Der Grund: Die DDR-Grenze war zu nah. Das war einmal. Als Glückstag bezeichnete der derzeit stellvertretende Schuldirektor Gert Lindner den gestrigen Freitag, auch wenn dies ein 13. war. Schließlich sei der Namenszusatz “Schule der Deutschen Einheit” ein Höhepunkt. Als die “Verwirklichung eines Traums von mutigen Frauen und Männern” bezeichnete Landrat Reinhard Krebs (CDU) das Gymnasium Gerstungen, dessen Entwicklung erst mit der Wende möglich war. Zugleich erinnerte er daran, dass in dem Schulgebäude einst Zollbeamte der DDR ihren Dienst versahen, und dass nun dort in Freiheit Unterricht gehalten werden kann. Viel Geld wurde in den vergangenen Jahren in den Gebäudekomplex investiert, als nächstes sei der Einbau von Brandschutztüren geplant.Zur gestrigen Festveranstaltung wurde ein hochkarätiges Kulturprogramm vorgetragen. Zu hören war die “Bigband der Deutschen Einheit” – Musiker aus Eisenach und dem Landkreis Hersfeld-Rotenburg. Die Bigband war eigens für den festlichen Anlass der Namensvergabe zusammengestellt worden. Das Lied “Life is a dream” trug der Oberstufenchor des Melanchthon-Gymnasiums vor. Und nicht ohne Grund standen auch gleich zwei Klaviere zum Spiel bereit: Björn Becker und Julius Trautvetter waren als hessisch-thüringisches Klavier-Duo zu erleben. Professor Roland Merten, Staatssekretär im Thüringer Kultusministerium, zeigte sich tief beeindruckt von den musikalischen Vorträgen. Den schulischen Alltag in Gerstungen umriss er mit einem Zitat von Willy Brandt: “Hier ist zusammengewachsen, was zusammen gehört”. Als große Herausforderung in den Schulen bezeichnete er die Garantie von gleichen Bildungschancen für jedes Kind, unabhängig von jeglichen Vorbedingungen. Grüße gab es auch von Arie Bardoel, der die Partnerschule Leyceum Mencia de Mendoza in Holland vertrat. Er würzte seine Rede mit viel Humor und bekam dafür reichlich Beifall. Dem festlichen Akt in der Aula schloss sich die Enthüllung des Namensschildes an der Hausfassade an. Alle Gymnasiasten versammelten sich und ließen nach der Enthüllung schwarze, rote und gelbe Luftballons in den Himmel steigen. Mit dem Singen der Nationalhymne fand die Namensverleihung ihren Abschluss. Im Gerstunger Gymnasium lernen derzeit 676 Schüler, davon 345 aus Gerstungen und Umgebung. 331 kommen aus dem Nachbarlandkreis Hersfeld-Rotenburg. Das Gymnasium fühlt sich der deutschen Einheit besonders verpflichtet. So gibt es neben dem Unterricht zahlreiche Projekte, Aktionstage und Exkursionen, die den Einheitsgedanken zur Grundlage haben. Heiko KLEINSCHMIDT
14.11.200
Quelle: Spiegel.de
Teuer und erfolglos
Von Jonas Goebel
Rund 2,6 Milliarden Euro geben die Bundesländer jährlich für Förderschulen aus. Eine neue Studie zeigt: Es ist ein Irrweg, Kinder mit Behinderungen oder Lernschwächen in Sonderschulen abzuschieben. Dort lernen die Schüler wenig und haben kaum Chancen auf einen Schulabschluss.
Hohe Kosten und wenig Perspektiven für Kinder und Jugendliche mit Förderbedarf – die deutschen Förderschulen sind nach Angaben des Bildungsforschers Klaus Klemm wenig erfolgreich. 2,6 Milliarden Euro geben die Bundesländer pro Jahr allein für zusätzliche Lehrer an Förderschulen aus, heißt es in einer Studie von Klemm für die Bertelsmann-Stiftung.
Wenn gut ausgebildete pädagogische Fachkräfte Schüler individuell in kleinen Klassen unterstützen, müsste das eigentlich den Kindern und Jugendlichen helfen. Der Untersuchung zufolge sind die Ergebnisse aber ausgesprochen mager: Etwa 77 Prozent der Förderschüler bleiben nach Zahlen der Kultusministerkonferenz ohne Hauptschulabschluss. Nur wenigen gelingt der Sprung an eine allgemeine Schule.
Je länger ein Schüler eine Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen besucht, desto ungünstiger entwickeln sich seine Leistungen, heißt es in der Studie. Lernbehinderte Kinder, die gemeinsam mit Kindern ohne Förderbedarf lernen und leben, erzielten dagegen deutlich bessere Lern- und Entwicklungsfortschritte.
Für die Studie hat Klaus Klemm unter anderem nationale und internationale Analysen ausgewertet. Im internationalen Vergleich beschreitet Deutschland demnach mit seinem differenzierten Förderschulsystem einen Sonderweg. Denn in skandinavischen Ländern, in Italien und Spanien werden fast alle Kinder mit Förderbedarf in allgemeinen Schulen unterrichtet – egal, ob sie lern-, körper- oder geistig behindert sind. In Deutschland sind es lediglich 15 Prozent.
Dabei weist Klemm auf große Unterschiede in den einzelnen Bundesländern hin. Von den Schülern mit Förderbedarf besuchen beispielsweise in Bremen gut 45 Prozent den gemeinsamen Unterricht, in Niedersachsen nur fünf Prozent. Ähnlich sieht es in Sachsen-Anhalt aus.
Die Bundesländer bewegen sich bisher nur langsam
Auch Schüler ohne besonderen Förderbedarf werden im gemeinsamen Unterricht nicht in ihrer Leistungsentwicklung gebremst, so Klemm. Sie profitierten vielmehr, in dem sie ein höheres Selbstwertgefühl und ein positiveres Leistungsselbstkonzept entwickelten.
Deutschland hatte sich, nach langem Gerangel, mit der im März 2009 in Kraft getretenen Uno-Behindertenrechtskonvention verpflichtet, den Weg hin zu einem “inklusiven” und weg von einem “separierenden” Schulsystem zu beschreiten. Eigentlich müssten die Bundesländer jetzt radikal umdenken und die Schulen umkrempeln. Manche Länder arbeiten daran, andere neigen dazu, künftig eigene Abschlüsse für Sonderschüler anzubieten. Doch die Kultusministerkonferenz entschied sich, das unbequeme Thema Sonderschulen erst einmal in eine Arbeitsgruppe abzuschieben. Das Deutsche Institut für Menschenrechte kritisierte vehement, dass Deutschland weiter gegen die bindende völkerrechtliche Regelung verstoße.
Nach Auffassung der Bertelsmann-Stiftung muss das Ziel dabei lauten: so viel gemeinsamer Unterricht wie möglich. In der Studie errechnet Bildungsforscher Klemm auch, wie viele Extrastunden für Schüler mit Förderbedarf an Normalschulen finanziert werden könnten, wenn das Geld nicht mehr an Förderschulen fließen würde.
Der Übergang könne nicht von heute auf morgen erfolgen, der Prozess sollte “aber jetzt Fahrt aufnehmen”, so die Bertelsmann-Stiftung. Lehrer an allgemeinen Schulen müssten dafür ausgebildet werden, Kinder mit Förderbedarf zu unterrichten. Ein Großteil der 2,6 Milliarden Euro sollte in diesen Umbau investiert werden – “sonst geben wir weiterhin viel Geld für einen Sonderweg aus, der für zu viele in einer Sackgasse endet”, so Jörg Dräger und Annette Stein von der Stiftung.
14.11.2009
Quelle: welt-online.de
Mehr Sensibilität für die Kleinen
Erstmals hat der Berliner Senat einen Familienbericht erarbeiten lassen.Er soll Auskunft über die Wünsche und Sorgen von Eltern und Kindern gebenMatthias und Patricia Bußmann sind engagierte Eltern.Sie leben mit ihren beiden Töchtern Riana, 8, und Alina, 6, in einer Altbauwohnung in Berlin-Steglitz. “Ich rede gern mit, wenn ich kann”, sagt Patricia Bußmann und meint Wortbeiträge zu den Wünschen und Nöten von Berliner Familien.
Erstmals hat der Berliner Senat einen Familienbericht erarbeiten lassen. Er soll Auskunft über die Wünsche und Sorgen von Eltern und Kindern geben
Matthias und Patricia Bußmann sind engagierte Eltern. Sie leben mit ihren beiden Töchtern Riana, 8, und Alina, 6, in einer Altbauwohnung in Berlin-Steglitz. “Ich rede gern mit, wenn ich kann”, sagt Patricia Bußmann und meint Wortbeiträge zu den Wünschen und Nöten von Berliner Familien. Und mitreden konnte die Laborassistentin, und zwar neulich samstags beim ersten Berliner Familienforum. Dabei stellte sich bei ihr ein bisher ungewohntes Gefühl ein: “Ich war froh, dass ich auch mal gefragt wurde.” “Zum ersten Mal”, konzedierte ihr Mann, “gibt es jetzt einen direkten Kommunikationsfluss.”
Noch nie haben Berlins Familien die Gelegenheit gehabt, so ausführlich über ihre Lebenslage zu diskutieren, Kritik zu benennen und Lob auszusprechen wie bei den Berliner Familienforen. Sechs solcher ganztägiger Treffen hat der Berliner Familienbeirat in den vergangenen Monaten in verschiedenen Bezirken organisiert.
Und wenn alles gut geht, werden die Meinungen und Empfehlungen der Familien auch in der Politik gehört. Denn die Ergebnisse der Familienforen sollen Kernbestandteil des ersten Familienberichtes werden, den der Berliner Beirat für Familienfragen in einem Jahr dem Senat vorlegt. Dass somit auch die Meinungen von Normalbürgern in großem Umfang in ein politisch beauftragtes Dokument einfließen, hat es in Berlin noch nicht gegeben. “Normalerweise beauftragt eine Landesregierung einen Wissenschaftler, der recherchiert dann und schreibt viele Seiten auf”, sagt Peter Ruhenstroth-Bauer, der Vorsitzende des Beirats. Ein solches Dialogverfahren sei in Deutschland einmalig, sagt der frühere Staatssekretär im Bundesfamilienministerium. Teilgenommen haben 140 Leute, von bürgerlichen Eltern über Kopftuch tragende Migranten bis hin zu wild aussehenden Teenagern. “Die waren erstaunt, dass sie mitdiskutieren durften”, sagt Ruhenstroth. Mit mehr Vorlauf und besserer Werbung hätte man auch noch mehr Menschen zur Teilnahme bewegen können.
Schon findet das Instrument Nachahmer. Einzelne Bezirke bereiten nach demselben Muster eine Kontaktaufnahme mit Familien vor. Und auch die Arbeiterwohlfahrt plant sechs kleinere Foren, um genau zu erfahren, welche besonderen Schwierigkeiten die Eltern behinderter Kinder haben.
Während in der politischen Arena immer stark über Kita-Finanzierung, Schulreform oder Pflegenotstand gestritten wird, haben die Familien im Alltag ein viel naheliegenderes Problem, neben dem vielerorts starken Autoverkehr, dem Hundekot und dem Müll.
Die wichtigste Kritik der Forumsteilnehmer richtete sich auf die mangelnde Information über Angebote für Kinder und Familien. Zwar kennen die Eltern lobenswerte Beispiele wie den “Pankower Familienwegweiser” oder die “Elternbriefe” des Arbeitskreises Neue Erziehung. Es fehle jedoch eine Stelle, die einen Überblick verschafft. Wo Informationen zu Betreuungsmöglichkeiten im Kiez oder Ferienangebote aus allen Bezirken, Initiativen oder Nothilfeeinrichtungen gesammelt sind. Denn wenn etwa die Großmutter, die zur Betreuung der Kinder herangezogen wird, in einem anderen Bezirk wohnt, sei es oft ein Problem herauszufinden, was sie in ihrem Kiez in den Ferien mit den Kleinen unternehmen kann. Die Wissenschaftler, Wohlfahrtsvertreter, Kirchenleute und Politiker aller Parteien im Familienbeirat verstehen sich jedoch nicht nur als Jammer-Gremium, das Forderungen aufstellt.
Sie wollen auch ihre offizielle Position als Familien-Lobby nutzen, um Missstände abzustellen. Ruhenstroth hat Studenten der Universität Potsdam gebeten, in einem Seminar zu überlegen, wie ein Familienportal im Internet aussehen könnte. Denn obwohl die Mund-zu-Mund-Propaganda im Kiez überaus wichtig ist, informieren sich Berliner Familien immer stärker im Netz. Der Software-Konzern Microsoft habe dafür Hilfe angeboten, sagt der Beiratsvorsitzende. Dennoch müssten natürlich die Behörden bei dieser Aufgabe miteinbezogen werden. Familien bemängeln auch, dass auf den Websites der Behörden im Internet oftmals Links zu familienrelevanten Angeboten von der Eltern-Kind-Gruppe bis zur Hilfe bei der Pflege von Angehörigen fehlten.
Überhaupt die Ämter: Familienvertreter rügen auch die Kinderfeindlichkeit der Behörden, fehlende Spielecken, lange Wartezeiten, die mit Kindern besonders nervend seien. Wer mit Jobcentern zu tun hat, beschwert sich häufig über “respektlosen Umgang”. Auch wenn es konkret um Anliegen von Kindern geht, ist der Eindruck nicht besser: “Vieles ist so bürokratisch”, klagt Patricia Bußmann. “Wenn ich einen Kita-Platz suche, muss ich haufenweise Papier ausfüllen. Das ist alles sehr unflexibel organisiert”, so die Mutter.
Positiv äußerten sich Familien in dem Bericht über das große Betreuungsangebot in Kitas. Nur in einzelnen Bezirken wie Friedrichshain melden die Eltern entsprechende Engpässe. Dennoch haben die Familien den Eindruck, dass die Kitas und Schulen personell zu schlecht ausgestattet und überfüllt seien.
Viele, besonders in den sozial stabileren Bezirken wie Steglitz oder Pankow, klagen über “Home-Schooling”: Das Lernpensum, der Druck sei mittlerweile in vielen Schulen so groß, dass die Eltern gezwungen würden, daheim und in ihrer Freizeit Defizite des Schulunterrichts mit ihren Kindern nachträglich aufzuarbeiten.
Dagegen werden als Instrumente Schulstationen geschätzt oder die oft gratis angebotene Hausaufgabenhilfe. Viele Eltern wünschen aber auch, dass Kinder aus Hartz-IV-Familien wie andere auch ganztags im Hort betreut werden dürfen und dass Sportvereine arme Kinder beitragsfrei aufnehmen sollten.
Schlecht finden die Teilnehmer der Foren die mangelnde Flexibilität bei Öffnungszeiten und Betreuungszeiten von Horten und Kitas. 7.30 bis 17.30 Uhr ist vielen zu kurz und zu starr. Die langen Ferienzeiten, in denen viele Einrichtungen geschlossen sind, erzeugten unerwünschte “Betreuungslücken”, klagen Eltern, die nicht entsprechend Urlaub nehmen können.
Insgesamt sei die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Familienleben nicht wirklich gegeben, so die Kritik des Reports. Nach Worten des Beirats-Chefs Ruhenstroth bezieht sich das nicht nur auf Kinder: “Viele Menschen müssen doch auch schwer kämpfen, um neben der Arbeit die Pflege älterer Angehöriger zu organisieren.”
Sorgen bereitet Eltern auch, dass Arm und Reich in der Stadt immer stärker auseinanderdriften. Diesen Eindruck haben vor allem Eltern im Aufsteigerbezirk Pankow. Die Eintrittspreise bei Konzerten oder von Bädern seien für viele zu hoch.
Insgesamt jedoch sind Berlins Familien trotz aller Kritik nicht unzufrieden. Viele loben in dem Bericht die hohe Qualität ihres Wohnumfeldes, die Toleranz in der Stadt und die vielen Möglichkeiten, die es für jede Lebenslage in Berlin gibt.
“Nun”, sagt Patricia Bußmann, quasi als Resümee der Familienforen, “erhoffen wir uns ein bisschen mehr Sensibilität für die Belange von Familien.”
Von Joachim Fahrun und Alexander Kohnen 15. November 2009, 04:00 Uhr
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